Edith Wunsch
Edith Wunsch ist Architektin und verantwortet als Leitung Liegenschaft die Sanierung und Entwicklung des historischen Flughafens Tempelhof. Unter ihrer Führung koordiniert die Tempelhof Projekt GmbH die denkmalgerechte Neunutzung eines der größten Industriedenkmale Europas.
Der ehemalige Flughafen Tempelhof ist ein Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst und Spiegel der Weltgeschichte mit rund 300.000 m² Bruttogeschossfläche und einer Gebäudelänge von etwa 1,2 km, auf einem Grundstück von ca. 57 ha Größe. Heute wird das Areal als Zukunftsort gestaltet.
Frau Wunsch, der ehemalige Flughafen Tempelhof entwickelt sich zu einem lebendigen Zukunftsort für Berlin. Welche Rolle spielt die Tempelhof Projekt GmbH dabei, diesen Ort als Plattform für Austausch, Begegnung und Innovation zu gestalten?
Die Tempelhof Projekt GmbH trägt genau diese Umgestaltung als inhärente Aufgabe in sich. Unsere Aufgabe ist es, den Standort THF – so nennt sich die Liegenschaft im Volksmund – zu mehr als einem Denkmal zu machen – zu einem „Ort, der Möglichkeiten macht“. So wollen wir im Bewusstsein der Geschichte und mit Verantwortung für die Zukunft diesen unvergesslichen Ort im Herzen Berlins nicht nur sanieren, sondern durch die Neuentwicklung auch für die Stadt und ihre Menschen öffnen und beleben. Damit jedoch nicht genug: Wir haben uns auch auf die Fahnen geschrieben, den Flughafen Tempelhof als ein Labor für Neues zu denken, in dem Ideen verprobt und Innovationen Wirklichkeit werden.
Der ehemalige Flughafen ist ein hochgradig funktionelles, historisches Gebäude und gleichzeitig ein anspruchsvolles Denkmal. Wie verbinden Sie den Erhalt des Denkmalschutzes mit der Entwicklung neuer Nutzungen und langfristigen Visionen für das Areal? Was sind die größten Herausforderungen?
Die größte Herausforderung per se ist, dass sich diese Aufgabe nicht in monodisziplinäre Einzel-Tasks unterteilen lässt. Dementsprechend haben wir für den ehemaligen Flughafen Tempelhof einen neuen Prozess gestartet, um für die nächsten Jahre ein klares Entwicklungskonzept zu erarbeiten – mit konkreten Maßnahmen, die Schritt für Schritt umgesetzt werden können. Schnelle, einfache Gesamtlösungen gibt es aufgrund der komplexen Voraussetzungen mit unklarer Bausubstanz, Denkmalschutzvorgaben und nutzungsspezifischen Eigenheiten nicht. Wichtig ist auch, den ehemaligen Flughafen dabei nicht ausschließlich als ein Gebäude, sondern primär als ein Stück Stadt zu begreifen.
Deshalb haben wir Profis aus allen relevanten Disziplinen zusammengebracht, um mit der Erfahrung und Expertise aus hunderten von Projekten gemeinsam daran zu arbeiten, den Standort THF zu einem lebendigen, offenen und grünen Ort weiterzuentwickeln, der der ganzen Stadt zugutekommt – mit der weltgrößten Veranda zum Tempelhofer Feld und einer vielfältigen Nutzung mit Kultur, Geschäften, Gastronomie und Freizeitangeboten. Unser Ziel ist, dass die Berlinerinnen und Berliner den gesamten Flughafen Tempelhof künftig ganz selbstverständlich im Alltag nutzen. Schritt für Schritt arbeiten wir am Generationenprojekt, aus dem einzigartigen historischen Baudenkmal wieder ein Highlight für Berlin zu machen.
Der Flughafen Tempelhof wird heute für vielfältige kulturelle Formate genutzt, von Konzerten und Theateraufführungen in der ehemaligen Flughafenhalle bis zu Open-Air-Events auf dem Gelände. Welche Rolle spielen Kultur und Veranstaltungen für Tempelhof als lebendigen Zukunftsort?
Kultur und Veranstaltungen werden auch weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Entsprechend hat sich die Tempelhof Projekt GmbH in den letzten Jahren auch neu aufgestellt; so gibt es drei wichtige Schwerpunkte in unserer Arbeit: Neben meinem Bereich der Entwicklung und Sanierung der Liegenschaft haben wir den Bereich Vermietung und den Bereich Programm. Der Bereich Vermietung kümmert sich sowohl um Open-Air-Events, die Dauermieter wie auch um kurzfristige Flächenaktivierungen. Der Bereich Programm verantwortet das Führungsgeschäft wie auch unsere eigenen Programmpunkte, wie zuletzt u.a. das große, jährliche Weihnachtssingen in der Haupthalle (kostenfrei und online buchbar) und den Wintermarkt.
Wichtig ist uns allerdings, dass über die Belebung zu einzelnen Events und Happenings hinaus auch eine für den Standort angemessene Alltagsbelebung umgesetzt wird – daran arbeiten wir derzeit mit Hochdruck. All unsere planerischen Ansätze können wir stets mit den Daten, die wir von derzeitigen Veranstaltungen haben, prüfen (Bsp. Vorhaltungslogistik LKWs bei Großveranstaltungen) und haben so ein kontinuierliches Beta, das wir optimieren und weiterentwickeln können. Das ist ein wichtiger Faktor in der Bestandsentwicklung.
Was glauben Sie, wie die Berliner:innen den Flughafen Tempelhof heute wahrnehmen? Gibt es Vorstellungen oder Bilder, die aus Ihrer Sicht häufig mit dem Ort verbunden werden?
In jedem Fall ist der Standort THF ein Ort, der zum Träumen einlädt. Von vielen wird er auch als der vorweg erwähnte „Ort, der Möglichkeiten macht“, wahrgenommen. Wir sehen es als unsere Aufgabe, die vielen Wünsche und Träume mit den Bedarfen der Liegenschaft und den Raumtalenten eines jeden Gebäudeteils – ein zweiter essenzieller Faktor zur nachhaltigen Bestandsentwicklung – abzugleichen, die daraus passendsten und v.a. profilscharfen Lösungsräume aufzuzeigen und daraus konkrete Entwicklungsprojekte zu generieren.
Wie stellen Sie sich eine nachhaltige Zukunft für Tempelhof vor, sowohl architektonisch als auch gesellschaftlich?
Ganz konkret heisst dies, dass wir die gesicherte Finanzierung für unsere beiden großen Rückgratprojekte, der „Technischen Infrastruktur 2030“ (TI 2030) und der „Sanierung und Ertüchtigung Stahltragwerk“ erhalten.
Von der Sanierung und Ertüchtigung des teils stark bewitterten und korrodierten Stahltragwerks hängen eine Unzahl an Folgeprojekten ab.
Die Umsetzung des Projekts TI 2030 wird einen erheblichen Beitrag für die Zukunftsfähigkeit und Nachhaltigkeit des Standorts leisten. Die derzeitige Infrastruktur für die Abwasser-, Wasser-, Wärme-, Raumluft- und Stromversorgungstechnik stammt teils noch aus der Errichtungsphase (1936 – 1941) und ist weder betriebssicher noch wirtschaftlich oder ökologisch tragbar. Die Finanzierung dieser beiden Großprojekte ist daher ein essenzieller Grundstein für die Weiterentwicklung der Liegenschaft – an diesem Thema arbeiten wir daher unentwegt.
Konzeptionell gesprochen heisst das, dass wir die im Januar 2026 fertiggestellte Nachhaltigkeitsstrategie für die Entwicklung der Liegenschaft in die konkrete Umsetzung bringen. Die Ansätze aus unserer Nachhaltigkeitsstrategie werden in den kommenden Monaten auf unserer Internetseite in Auszügen einsehbar sein. Diese besteht aus sechs Handlungsfeldern:
- Klima und Energie (Umwelt)
- Ressourcenschonung und Zirkularität (Umwelt)
- Biodiversität, Mikroklima und Resilienz (Umwelt)
- Wohlbefinden und Zugänglichkeit (Soziales)
- Gesellschaftlicher Mehrwert und soziale Teilhabe (Soziales)
- Governance und Ökonomie (Governance)
Wir werden in der konkreten Umsetzung an unserer neu entwickelten Haltung der interdisziplinären Planung, der Beachtung von Ableitungen aus den Raumtalenten und dem Mut zum anders sein – zu Abweichungen von der Norm wo dies andernfalls zu nicht tragbaren Mehrkosten und unnötigem CO2-Verbrauch führen würde, festhalten. Denn Bestandsumnutzung ist nicht gleich Neubau.
Ausserdem bezieht jedes einzelne neue Projekt die im Entwicklungskonzept in Arbeit befindlichen Leitlinien Standortaktivierung mit ein. Wir arbeiten hierzu mit so genannten Place-Making-Spezialisten zusammen. Hierzu seien nur drei Umsetzungs-Beispiele genannt: Die Schaffung von mit Aufenthaltsqualität gestalteten Ankunftsorten, die bauliche Öffnung und Aktivierung der Erdgeschosszonen, unter Integration von dritten Orten, sowie die klare Einbeziehung von öffentlichen und halb-öffentlichen Räumen in den Standortmix.
So verstehen wir Nachhaltigkeit in Tempelhof nicht als Zielbild, sondern als fortlaufenden Prozess, der Architektur, Nutzung und gesellschaftlichen Mehrwert dauerhaft miteinander verbindet.
Weitere Informationen:
Flughafen Tempelhof: Führungen, Ausstellungen, Events
Foto: Edith Wunsch