Uta Bielfeldt
Mit Uta Bielfeldt steht eine erfahrene Wissenschaftsmanagerin an der Spitze der Leitung des Deutschen Rheuma-Forschungszentrums Berlin (DRFZ). Seit 2022 ist sie dort Kaufmännische Direktorin und verantwortet zentrale strategische, personelle und finanzielle Prozesse. Gemeinsam mit dem wissenschaftlichen Direktor Eicke Latz gestaltet sie die Weiterentwicklung des DRFZ, das international zu den führenden Einrichtungen in der Rheumaforschung zählt.
Das DRFZ ist Teil der Leibniz-Gemeinschaft und untersucht die Ursachen sowie Folgen rheumatischer Erkrankungen mit einem klaren Ziel: neue, personalisierte Therapien zu entwickeln und diese möglichst schnell in die klinische Anwendung zu bringen. Dabei verbindet das Institut Grundlagenforschung, Epidemiologie und klinische Praxis in einzigartiger Weise, auch durch die enge Zusammenarbeit mit der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Seit Ende März ist das DRFZ zudem Teil des neuen Zukunftsortes Health Innovation Quarter Berlin Mitte und bringt dort seine Expertise im Bereich translationaler Gesundheitsforschung in ein wachsendes Innovationsökosystem ein. Rund 200 internationale Mitarbeitende arbeiten am DRFZ daran, wissenschaftliche Erkenntnisse in konkrete medizinische Fortschritte zu überführen.
Frau Bielfeldt, Sie sind seit 2022 Kaufmännische Direktorin am DRFZ und kommen aus dem Wissenschaftsmanagement großer Institutionen. Welche Erfahrungen prägen Ihre Arbeit am DRFZ heute am stärksten?
Mich prägt vor allem die Erfahrung, dass wissenschaftlicher Fortschritt dort entsteht, wo Menschen mutig genug sind, neue Fragen zu stellen. Gute Forschung braucht deshalb mehr als Drittmittel und Infrastruktur. Sie braucht Freiräume, Tempo und eine Kultur, die Neugier nicht verwaltet, sondern ermöglicht.
Genau darin sehe ich die Aufgabe moderner Wissenschaftsmanager:innen: nicht alleine Prozesse zu optimieren, sondern Bedingungen zu schaffen, unter denen exzellente Forschung überhaupt erst entstehen kann. Das DRFZ ist dafür ein idealer Ort, weil hier ein für Innovationen sehr offenes Leitungsteam auf eine sehr internationale, hochmotivierte Wissenschaftskultur trifft. Diese Kombination aus wissenschaftlicher Exzellenz, Pragmatismus und Aufbruchsstimmung ist selten.
Was macht das DRFZ aus Ihrer Sicht zu einem international führenden Institut in der Rheumaforschung? Welche aktuellen Forschungsschwerpunkte sind besonders vielversprechend?
Das DRFZ verbindet Dinge, die oft getrennt gedacht werden: Immunologie – angeboren wie durch Lifestyle beeinflusst – , Datenwissenschaft und klinische Anwendung. Genau daraus entsteht unsere besondere Stärke. Wir untersuchen nicht nur, dass das Immunsystem entgleist, sondern zunehmend auch warum – und warum bestimmte Therapien bei manchen Menschen hervorragend wirken und bei anderen kaum. Die Zukunft liegt klar in der personalisierten Medizin. Dafür brauchen wir präzise Diagnostik, intelligente Datenauswertung und ein tiefes biologisches Verständnis von Entzündungsprozessen.
Am DRFZ haben wir dafür außergewöhnlich gute Voraussetzungen: einzigartige Langzeitdaten, starke experimentelle Forschung und inzwischen enorme Möglichkeiten durch KI-gestützte Analytik. Die Immunologie erlebt gerade einen ähnlichen Innovationsschub wie die Onkologie vor einigen Jahren. Ich glaube, wir stehen bei chronisch-entzündlichen Erkrankungen erst am Anfang einer Entwicklung, die Therapien fundamental verändern wird.
Das DRFZ arbeitet eng mit der Charité sowie anderen Partnern zusammen. Wie erleben Sie die Zusammenarbeit im Wissenschafts- und Innovationsökosystem der Stadt?
Berlin ist in den Lebenswissenschaften inzwischen ein europäischer Hotspot. Nicht wegen eines – sicherlich sehr wichtigen – Leuchtturms wie der Charité, sondern auch wegen der Dichte an klugen Köpfen, Kliniken, Forschungseinrichtungen und Start-ups insgesamt. Wenn wir heute eine wissenschaftliche oder technologische Fragestellung haben, finden wir in Berlin fast immer die passenden Partner – oft in direkter Nachbarschaft. Diese Nähe ist ein enormer Standortvorteil. Gerade in der Gesundheitsforschung entscheidet Geschwindigkeit darüber, ob aus Erkenntnissen tatsächlich Innovationen werden. Jetzt kommt es darauf an, wissenschaftliche Stärke konsequenter in Translation zu übersetzen: also schneller aus Erkenntnissen Anwendungen, Therapien und neue Technologien zu machen. Genau dafür bietet Berlin derzeit außergewöhnlich gute Voraussetzungen.
Mit welchen Fragen beschäftigen sich die Forschenden am DRFZ tagtäglich?
Im Kern geht es um eine ziemlich große Frage: Warum greift das Immunsystem plötzlich den eigenen Körper an? Daraus ergeben sich viele weitere Fragen: Welche Zellen treiben Entzündungen? Warum verläuft dieselbe Erkrankung bei Menschen völlig unterschiedlich? Welche biologischen Signaturen entscheiden darüber, ob eine Therapie wirkt?
Unsere Forschenden arbeiten genau an dieser Schnittstelle zwischen molekularem Verständnis, Datenanalyse und klinischer Anwendung. Und das Spannende ist: Viele Erkenntnisse aus der Rheumaforschung reichen weit über Rheuma hinaus — etwa in Bereiche wie Alterungsforschung, Infektionen oder Krebsimmunologie.
Seit kurzem ist das DRFZ Teil des neuen Zukunftsortes Health Innovation Quarter Berlin-Mitte. Welchen Mehrwert bringt der Verbund der Berliner Zukunftsorte für das DRFZ ein?
Innovation entsteht selten isoliert. Sie entsteht dort, wo Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven physisch zusammenkommen. Ich habe das in Adlershof sehr konkret erlebt: Aus einem Zukunftsort wurde über Jahre ein echtes Innovationsökosystem. Genau dieses Potenzial sehe ich auch im Health Innovation Quarter.
Für uns als Forschungsinstitut bedeutet die Nähe zu Kliniken, Start-ups, Technologiepartnern und anderen Wissenschaftseinrichtungen vor allem eines: schnellere Wege. Schnellere Kooperationen, schnellere Ideen, schnellere Translation. Gerade in den Life Sciences ist räumliche Nähe oft unterschätzt — dabei ist sie ein echter Innovationsfaktor.
Und ehrlich gesagt: Wissenschaft braucht auch ein Umfeld, das Lust auf Zukunft macht. Genau das kann an solchen Orten entstehen.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Bielfeldt.
Interview: Noémi Dombi
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