Martin Rahmel
Martin Rahmel ist CEO von greenCHEM bzw. der unternehmerischen Einheit Namens innovate! lab gGmbH, die aus der BMFTR-geförderten Initiative zur Stärkung von Technologietransfer in der Grünen Chemie entstanden ist. Gemeinsam mit Partnerinnen und Partnern aus Wissenschaft, Wirtschaft und Startup-Ökosystemen treibt er den Aufbau von Innovationsstrukturen voran, die nachhaltige chemische Produkte und Verfahren beschleunigen. Neben der gGmbH ist ein zentraler Baustein der Neubau der Technischen Universität Berlin: das „John Warner Center“. Hier entsteht derzeit Europas größte Laborinfrastruktur für Vorgründungs- und Transferteams im Bereich der Grünen Chemie.
greenCHEM vernetzt Akteure aus Wissenschaft, Startups, Industrie und Politik rund um das Thema Grüne Chemie. Welche Ziele verfolgen Sie aktuell mit greenCHEM und wo sehen Sie die größten Innovationspotenziale für Berlin?
Unser Ziel ist einfach und klar: Wir entwickeln greenCHEM zu dem international führenden Innovationsökosystem für Grüne Chemie.
Dafür verfolgen wir konsequent einen Open-Innovation-Ansatz: Wir fördern gezielt wissenschaftsbasierte Innovationen, die außerhalb bestehender Unternehmensstrukturen entstehen – sogenannte „External Innovation“. Denn die Innovationstheorie zeigt, dass etablierte Unternehmen besonders stark darin sind, bestehende Technologien kontinuierlich weiterzuentwickeln. Disruptive Innovationen finden dagegen besonders günstige Entstehungsbedingungen in neuen, unabhängigen Strukturen.
So viel zur Theorie – schauen wir in die Chemieindustrie: Jenseits der Energie muss ihre stoffliche Ressourcenbasis langfristig von fossil auf regenerativ umgestellt werden, gleichzeitig müssen Materialien sicherer und kreislauffähiger werden. Dafür braucht es disruptive Innovationen. Zugleich fehlt ein neutraler Partner, der externe Innovationen mit den Kompetenzen und konkreten Herausforderungen der Industrie zusammenbringt und damit ein „Level Playing Field“ schafft. Genau diese Rolle übernimmt greenCHEM: Wir schaffen den Raum, in dem wissenschaftsbasierte Innovationen entstehen, validiert und gemeinsam mit der Industrie in die Anwendung gebracht werden.
Berlin bietet dafür ideale Voraussetzungen: eine international herausragende Wissenschaftslandschaft mit besonderer Stärke in Chemie und Materialwissenschaften und Menschen aus unterschiedlichsten Ländern, Disziplinen und kulturellen Hintergründen. Diese besondere Mélange aus wissenschaftlicher Exzellenz, Diversität und internationalem Talent ist ein idealer Nährboden für disruptive Materialinnovationen.
Auf diesem Nährboden setzen wir zwei komplementäre Innovationslogiken um. Beim Research Push sind exzellente Forschungsergebnisse der Nukleus: Wir unterstützen angehende Unternehmerinnen und Unternehmer dabei, daraus Anwendungen und Geschäftsmodelle zu entwickeln und in die Wirtschaft zu transferieren. Beim Industry Pull drehen wir die Logik um: Ausgangspunkt sind ungelöste Materialherausforderungen unserer Industriepartner. Dafür scouten wir international Talente und stellen Laborinfrastruktur, finanzielle Förderung sowie ein gemeinsam mit dem Founder Institute entwickeltes, chemiespezifisches Validierungsprogramm bereit.
So verbinden wir wissenschaftliche Exzellenz und internationale Talente mit realen Herausforderungen der Industrie und schaffen die Basis für unser Ziel: Berlin zum international führenden Innovationsstandort für disruptive Innovationen in der Grünen Chemie zu machen.
Mit der Chemical Invention Factory – John Warner Center (CIF) entsteht ein neues Zentrum für ausgewählte Startups in der Grünen Chemie. Welche Lücke schließt die CIF im Innovationsökosystem und welche Unterstützung werden Gründerinnen und Gründer künftig dort erhalten?
Das John Warner Center ist einer der zentralen strategischen Bausteine unseres Innovationsökosystems. Mit 39 chemischen Abzügen auf über 1.000 Quadratmetern entsteht bis 2027 Europas größte Laborinfrastruktur für Transfer- und Vorgründungsteams in der Grünen Chemie, die von den ausgewählten Teams kostenfrei genutzt werden kann.
Das Center schließt dabei zunächst eine ganz praktische Lücke: Wir schaffen dedizierte Laborinfrastruktur für die kritische Phase zwischen Forschung und Gründung – das sogenannte Valley of Death. Gerade in der Chemie als klassische DeepTech Disziplin ist diese Phase besonders herausfordernd: Die klassische Forschungsförderung endet, gleichzeitig ist eine Technologie häufig noch nicht weit genug validiert, um ein Unternehmen zu gründen und private Finanzierung einzuwerben. Hinzu kommt die angespannte Situation bei universitären Laborflächen, die bereits für die beiden Kernaufgaben Forschung und Lehre dringend benötigt werden. Mit dem John Warner Center schaffen wir deshalb gezielt zusätzliche Infrastruktur für die dritte Kernaufgabe: den Transfer. Davon profitieren am Ende alle drei Bereiche: Forschung, Lehre und Transfer.
Der wohl wichtigste Erfolgsfaktor des John Warner Centers ist jedoch Proximity – die räumliche Nähe zueinander. Aus der Innovationsforschung wissen wir, dass der unmittelbare Austausch zwischen Menschen Innovation maßgeblich fördert. Genau dieses Prinzip übersetzen wir in das John Warner Center: Neue Vorgründungsteams arbeiten Tür an Tür mit bereits erfahrenen Teams und sind gleichzeitig in eine große Startup-Community eingebettet. Über gezielte Formate bringen wir darüber hinaus die ausgewählten Teams mit unseren Industriepartnern zusammen. So treffen wissenschaftsbasierte Lösungsansätze unmittelbar auf konkrete industrielle Herausforderungen und Anwendungsmöglichkeiten.
Das John Warner Center ist damit weit mehr als Laborfläche. Es ist der physische Ort unseres Open-Innovation-Ansatzes: Hier bringen wir ausgewählte Vorgründungsteams, daraus hervorgegangene Startups, Industrie und Wissenschaft auf Augenhöhe zusammen – mit einem gemeinsamen Ziel: Innovationen in die Anwendung zu bringen und damit Nachhaltigkeitswirkung zu entfalten.
Das innovate! lab soll den Transfer von Forschungsergebnissen in marktfähige Lösungen beschleunigen. Wie ergänzen sich innovate! lab, greenCHEM und die CIF bei der Förderung von Innovationen und Ausgründungen?
Die innovate! lab gGmbH ist die unternehmerische Einheit von greenCHEM. Als gemeinnützige Organisation handeln wir mit der für Innovation notwendigen Geschwindigkeit und Agilität, die in großen Strukturen naturgemäß schwieriger zu erreichen ist. Im Ergebnis unterstützen wir Transfer- und Vorgründungsteams schnell und unbürokratisch.
Durch die philanthropische Förderung der Joachim Herz Stiftung bieten wir dabei alles aus einer Hand an: Finanzierung, ein chemiespezifisches Validierungsprogramm und mit dem John Warner Center die notwendige Laborinfrastruktur. Die ausgewählten Teams investieren damit ihre Energie vollständig in die Umsetzung ihrer ChemTech-Innovationen. Unser Anspruch ist dabei denkbar einfach: Come, Start, Innovate – From Day One.
So fügen wir die einzelnen Mosaiksteine zu einem Gesamtbild zusammen: Internationale Talente, philanthropische Finanzierung, technische Infrastruktur gepaart mit einem konsequenten Open-Innovation-Ansatz und eingebettet in eine der führenden Startup-Metropolen Europas entsteht ein internationaler Hotspot für erfolgreiche Materialinnovationen.
Ende 2026 startet der nächste innovate! call von greenCHEM. Worauf dürfen sich interessierte Forschende, Startups und Innovatoren freuen und welche Projekte suchen Sie besonders?
Ende 2026 öffnen wir die Bewerbungsphase für unseren zweiten innovate! call. Nach dem sehr erfolgreichen ersten Call, der konsequent einer Research-Push-Logik folgte, drehen wir den Ansatz jetzt um und setzen vollständig auf Industry Pull.
Entsprechend dürfen sich Interessierte auf mehrere konkrete Challenges freuen, die wir gemeinsam mit unseren Industriepartnern qualifiziert haben. Gesucht werden Menschen aus Chemie, Ingenieurwissenschaften, Wirtschaft und angrenzenden Disziplinen, die mit Leidenschaft an realen, ungelösten Herausforderungen der Industrie arbeiten und technologieoffen neue Lösungen entwickeln wollen.
Die ausgewählten Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten ein zwölfmonatiges Stipendium und Zugang zu unserem gesamten Unterstützungsangebot. Dabei ist unser Program 100% equity-free, also frei von Anteilsabgaben, ausgelegt. Das Besondere an dem Industry-Pull-Logik Call: Wer eine Lösung entwickelt, arbeitet von Beginn an an einem realen Bedarf und hat mit dem jeweiligen Industriepartner bereits einen potenziellen Partner oder Kunden an Bord.
Wer erfahren möchte, wann der nächste innovate! call startet, kann sich über unsere Website für den Newsletter anmelden: https://www.greenchem.berlin/innovate-call.
Der Campus Charlottenburg zählt zu den bedeutendsten Wissenschafts- und Innovationsstandorten Berlins. Welchen Mehrwert bietet der Zukunftsort für Ihre Arbeit?
Bislang findet Chemie eher im Verdeckten statt, in geschlossenen Laboren, häufig an den Rändern unserer Städte und weitgehend außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Dabei prägt sie mit ihren Materialien und Produkten nahezu jeden Bereich unseres täglichen Lebens. Diesen Widerspruch wollen wir auflösen.
Grüne Chemie entwickelt Produkte und Verfahren, die auf regenerativen Ressourcen basieren, sicherer und kreislauffähiger sind. Wir werden transparent zeigen, wie und von wem solche Innovationen hervorgebracht werden und damit Menschen zum Mitmachen inspirieren. Gerade weil Chemie in der öffentlichen Wahrnehmung häufig kritisch gesehen wird, müssen wir sie öffnen und wieder stärker mit der Gesellschaft verbinden.
Grüne Chemie gehört für uns nicht an den Rand, sondern mitten in die Gesellschaft. Berlin als unsere Hauptstadt – und der Zukunftsort Campus Charlottenburg mittendrin – ist dafür der ideale Ort.
Was müsste in zehn Jahren erreicht sein, damit greenCHEM als Vorbild für Grüne Chemie und erfolgreichen Technologietransfer in Deutschland gilt?
Unser Ansatz ist von Beginn an international. Deshalb ist die Vision von greenCHEM für 2036 klar: Auf vier Kontinenten steht ein Zentrum mit Laborinfrastruktur für wissenschaftsbasierte Innovationen in der Grünen Chemie. Spezialisiert auf unterschiedliche Schwerpunkte der Materialwissenschaften sind diese Zentren miteinander vernetzt. In ihnen arbeiten mehr als 100 Transfer- und Vorgründungsteams jeweils in der Infrastruktur, die am besten zu ihrer Innovation passt – kostenfrei und equity-free. So ist 2036 ein globales Innovationsökosystem für Grüne Chemie entstanden.
Diese neue Generation wissenschaftsbasierter Unternehmerinnen und Unternehmer verbindet eine gemeinsame Überzeugung: Die Probleme unseres Planeten sind menschengemacht. Deshalbo können wir Menschen sie auch wieder lösen. Wer bereit ist, dafür seine wertvollste Ressource zu investieren – seine Lebenszeit –, erhält von greenCHEM im Gegenzug alles, was für die Umsetzung notwendig ist: Finanzierung, Infrastruktur und Vernetzung. Mit den innovate! calls geben wir diesen Menschen den Rückenwind, das volle Nachhaltigkeitspotenzial ihrer Innovationen zu entfalten.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Rahmel.
Interview: Noémi Dombi
Weitere Informationen:
greenCHEM: Beiträge | LinkedIn
Industry Connect 2026 – Zukunftsorte Berlin