Dr. Frauke Mörike

06.09.2021

Frauke Mörike ist Wissenschaftlerin und Dozentin am Fachgebiet Arbeitswissenschaft der TU Berlin. Die Wirtschaftsinformatikerin und promovierte Ethnologin war zuvor als IT-Projektleiterin weltweit für große Wirtschaftsbetriebe tätig und forscht nun zur Digitalisierung der Arbeitswelt. Dabei stehen die Themen Kollaboration, New Work und die Gestaltung inklusiver Arbeitssysteme im Zentrum ihres Interesses. In ihren Lehrveranstaltungen verbindet sie praxisnah kulturwissenschaftliche Ansätze mit Nutzerinnenforschung und Technologiegestaltung.

Das Fachgebiet Arbeitswissenschaft der TU Berlin unter der Leitung von Prof. Dr. Markus Feufel geht der Frage nach, was gute sozio-technische Arbeitssysteme ausmacht und wie man das Zusammenspiel von Mensch und Technik in diesen Systemen unterstützen kann, um Produktivität, Sicherheit und Lebensqualität zu steigern. Angesichts der rasanten technologischen Entwicklungen und des gesellschaftlich-demografischen Wandels steht dabei im Vordergrund, wie unterschiedliche Menschen ihre Problemdefinitionen und Lösungsstrategien anpassen, wenn sie mit neuen und unvorhergesehenen Herausforderungen konfrontiert werden. Das Team des Fachgebiets Arbeitswissenschaft forscht nicht nur, sondern lehrt auch im Masterstudiengang „Human Factors“ der TU Berlin. Der Studiengang vermittelt grundlegende Kenntnisse rund um die Interaktion zwischen Mensch und Technik, vor allem im Arbeitskontext.

Was bedeutet es für Sie als Wissenschaftlerin der TU Berlin am Campus Charlottenburg tätig zu sein?

Für meine Arbeit als Wissenschaftlerin bedeutet das Arbeiten an einem der größten zusammenhängenden innerstädtischen Universitätsarreale Europas vor allem gelebte inter- und transdisziplinäre Zusammenarbeit über fach- und organisationsgrenzen hinweg: morgens starte ich mich mit Ingenieur:innen am Fraunhofer Institut in die gemeinsame Lehrveranstaltung, spreche beim Mittagessen mit einem Kollegen der Telekom Innovation Laboratories über Forschungsmethoden, bin danach im Charlottenburger Innovationszentrum CHIC, um an neuen Projektideen zu tüfteln und schaue nachmittags noch bei der interdisziplinären Ringvorlesung vorbei, die unser Fachgebiet mit Kolleg:innen der UdK und HU Berlin ausrichtet („Wer nicht denken will, fliegt raus“). Die Wege sind hier kurz und Distanzen schnell zu überbrücken – nicht nur aus geografischer Perspektive. Die hier überall spürbare Offenheit für neue Kontakte und Ideen hat es mir ermöglicht, innerhalb von kürzester Zeit ein breitgefächertes Netzwerk aufzubauen und mit verschiedensten Akteuren zusammenzuarbeiten. Ich glaube, dass wir solche Begegnungsstätten vermehrt brauchen, um uns als Wissenschaftler:innen nicht zu stark voneinander und dem gesellschaftlichen Alltag abzugrenzen, und auch, um uns als Gesellschaft den großen Herausforderungen der Zukunft stellen zu können.

Die Arbeit mit Studierenden zeigt mir, …

… dass die neue Generation von Studierenden sich mit wachsender Selbstverständlichkeit zwischen den Fachdisziplinen bewegt und dabei bewusst unterschiedliche Perspektiven kennenlernen und kritisch diskutieren möchte. Dazu trägt der Campus Charlottenburg als Standort bei, der Begegnung und Austausch bereits im Studium auf mehreren Ebenen ermöglicht. In meinen Seminaren etwa, sitzen neben den Studierenden des Masterstudiengangs „Human Factors“ auch angehende Soziolog:innen, Ingenieur:innen oder Gesundheitswissenschaftler:innen und debattieren leidenschaftlich über hybrides Arbeiten und andere aktuelle Themen zwischen Arbeit und Technik. Besonders auffällig finde ich zudem, dass viele Studierende neben dem Studium bereits praktische Erfahrung in der Arbeitswelt sammeln, und daher ganz dezidiert nach dem Anwendungsbezug meiner Forschung fragen, oder umgekehrt Probleme, die sie in der Praxis erleben in die Lehrveranstaltungen tragen und damit wertvolle Impulse setzen können. Denn gerade für die Gestaltung sozio-technischer Arbeitssysteme spielt nutzerzentrierte Praxisrelevanz eine zentrale Rolle.

Welche Innovation hat Sie in der letzten Zeit besonders beeindruckt?

Besonders spannend war für mich die Vehemenz, mit der im Zuge der Corona-Pandemie digitale Technologien die Grenzen in der Arbeitswelt in mehreren Dimensionen verschoben haben und neue Strategien in Bezug auf Kommunikation und Kollaboration fordern. In diesem mobilen, virtuellen und hybriden Alltag zeigen sich nicht nur die Notwendigkeiten einer sinnvoll digitalisierten Arbeitswelt, sondern insbesondere auch existierende Defizite eines von digitaler Unterstützung abhängigen Arbeitsalltags: zum Beispiel sind Personen mit Sehbehinderung mehr denn je auf barrierefrei gestaltete Anwendungen angewiesen, die mithilfe von Assistenzsystemen verlässlich bedienbar sind. Daher halte ich die Sensibilisierung von Studierenden für inklusiv gestaltete Arbeitssysteme und -technologien für einen wichtigen Beitrag für den sozialen Zusammenhalt unserer Gesellschaft.

In Bezug auf neue Arbeitswelten wollen wir am Fachgebiet Arbeitswissenschaft nun reflexiv vorgehen: Wir bleiben auch „Post-Corona“ vielfach im Homeoffice und gestalten unsere existierenden Büros für einen hybriden Arbeitsalltag um. Wie es uns damit geht, wollen wir dann wiederum wissenschaftlich auswerten, und damit aktuell bei uns laufende Forschungsstrecken zum Thema hybrides Arbeiten und bereits konkret geplante Forschungsprojekte mit Akteuren aus der Wirtschaft ergänzen. So können wir dann sogar unsere eigene Arbeitspraxis für die großen Fragen nutzbar machen, wie etwa die Gestaltung zukünftiger Arbeitswelten für eine fach- und disziplinüberschreitende Zusammenarbeit an Zukunftsorten wie dem Campus Charlottenburg.

Weitere Links:
Fachgebiet Arbeitswissenschaft (TU Berlin)
Zukunftsort Campus Charlottenburg