Ella Frühwirt
Ella Frühwirt koordiniert an der HTW Berlin das Verbundprojekt „Zukunft findet Stadt“, ein Berliner Hochschulnetzwerk für ein resilientes Berlin. Gemeinsam mit fünf Hochschulen für Angewandte Wissenschaften, Praxispartnern und der Stadtgesellschaft bringt das Projekt bis 2027 wissenschaftliche Expertise zu den zentralen Zukunftshemen Klima, Gesundheit und Resilienz in den urbanen Raum praxisnah, interdisziplinär und im direkten Austausch mit der Stadt.
Was steckt hinter dem Projekt „Zukunft findet Stadt“ und welches übergeordnete Ziel verfolgt das Berliner Hochschulnetzwerk für ein resilientes Berlin?
„Zukunft findet Stadt“ ist eine gemeinsame Initiative der fünf Berliner Hochschulen für angewandte Wissenschaften (HAW*). Ziel des Projekts ist es, die bestehenden Expertisen und Kompetenzen im Innovationstransfer in den Bereichen Klima und Gesundheit strategisch zu bündeln und weiterzuentwickeln.
Vor dem Hintergrund rasant wachsender gesellschaftlicher Herausforderungen und sich verändernder Bedarfe verstehen wir das Projekt als unseren aktiven Beitrag zu einer resilienten, zukunftsfähigen Stadt. Es geht darum, wissenschaftliche Erkenntnisse wirksam in die Praxis zu überführen und gleichzeitig Impulse aus der Stadtgesellschaft frühzeitig in Lehre und Forschung aufzunehmen.
Ein zentraler Ansatz dabei ist die konsequente Stärkung des bidirektionalen Transfers. Das bedeutet, geeignete und zielgruppengerechte Austauschformate für Praxispartner:innen zu schaffen und sie frühzeitig co-kreativ einzubinden – idealerweise bereits bei der gemeinsamen Definition von Problemstellungen und nicht erst bei der Entwicklung von Lösungen.
Neben der Weiterentwicklung von Transferprozessen steht auch die Arbeit an konkreten Lösungen im Fokus. In unterschiedlichen Kooperationsformaten entwickeln wir gemeinsam mit Vertreter:innen aus Wirtschaft, Verwaltung und Zivilgesellschaft innovative Ansätze in den Bereichen Nachhaltigkeit und Gesundheit – mit dem klaren Ziel, die Resilienz Berlins langfristig zu stärken.
Sie koordinieren ein hochschulübergreifendes Verbundprojekt mit vielen Partner:innen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtgesellschaft. Was macht die Arbeit an „Zukunft findet Stadt“ für Sie persönlich besonders spannend und auch herausfordernd?
Langweilig wird es in diesem Projekt ganz sicher nie… Für mich persönlich ist es außerordentlich bereichernd, mit so vielen engagierten und zugleich sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten zusammenzuarbeiten. Die Vielfalt an Perspektiven eröffnet immer wieder neue Denkansätze und erweitert den eigenen Blick.
Besonders schätze ich, dass ich von einem motivierten, eigenständig agierenden Team umgeben bin und zugleich eine Leitung habe, die Vertrauen schenkt und große Gestaltungsspielräume ermöglicht. Diese Kombination gibt mir die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen und fachlich wie persönlich zu wachsen.
Natürlich bringt ein hochschulübergreifendes Verbundprojekt auch eine gewisse Komplexität mit sich. Unterschiedliche Interessen und Arbeitskulturen treffen aufeinander – Konsens entsteht nicht immer sofort. Gerade diese Dynamik macht die Arbeit jedoch spannend.
Eine experimentelle Haltung gehört für uns bewusst dazu. Nicht jeder Ansatz funktioniert auf Anhieb, aber auch sogenannte „Fails“ verstehen wir als Lernchancen. Meine Rolle sehe ich dabei vor allem moderierend, unterstützend und vermittelnd. Gleichzeitig übernehme ich Verantwortung, wenn Entscheidungen gefragt sind, und versuche, Prozesse diplomatisch und lösungsorientiert zu gestalten.
Ihre Formate bringen Wissenschaft direkt mit Wirtschaft und Stadtgesellschaft zusammen. Was braucht aus Ihrer Sicht erfolgreicher Transfer, damit aus Forschung tatsächlich wirksame Lösungen für Berlin entstehen?
Erfolgreicher Transfer beginnt aus meiner Sicht immer bei den Menschen. Es braucht engagierte, kompetente Akteur:innen – und die Bereitschaft, die eigene fachliche „Brille“ auch einmal abzulegen. Wer Transfer ernst nimmt, muss offen sein für neue Perspektiven, andere Denklogiken und ungewohnte Arbeitsweisen – und oft braucht es einfach Geduld.
Die Sektoren Wissenschaft, Wirtschaft und Stadtgesellschaft folgen jeweils eigenen Zielen, Erwartungshaltungen und Kulturen. Diese Unterschiede sind wertvoll, führen aber nicht automatisch zu Zusammenarbeit. Es braucht gezielte Räume, in denen sich die Beteiligten kennenlernen, Vertrauen aufbauen und gemeinsame Problemverständnisse entwickeln können. Genau hier verstehen wir uns als Schnittstelle: Wir schaffen Formate, die Austausch ermöglichen, Kooperationen anbahnen und Kollaboration fördern.
Gleichzeitig sehe ich auch die Politik in der Verantwortung, Transfer strukturell stärker zu verankern. Noch immer erfolgt ein Großteil der Transferarbeit projektbasiert. Das bedeutet, dass wertvolle Expertise, gewachsene Netzwerke und erprobte Strukturen nach Projektende häufig wieder wegbrechen. Für einen nachhaltigen, strategischen Transfer braucht es dauerhaft finanzierte Transferstellen aus Hochschulgrundmitteln sowie klare Anreizstrukturen für Lehrende und Forschende, die sich im Transfer engagieren möchten.
In unseren Formaten – etwa „trao“, „Innovation Work Retreat“, „KiezTalks“, „HACKademy“ oder „Real Life Labs“ – bringen wir Wissenschaftler:innen, Studierende sowie Vertreter:innen aus Unternehmen, NGOs und Start-ups in unterschiedlichen Settings zusammen. Ob Exkursion, Workshop, Matching- oder Challenge-Event: Aus dem gemeinsamen Arbeiten kristallisieren sich konkrete Fragestellungen heraus, die beispielsweise in Abschlussarbeiten einfließen oder in anwendungsorientierte Lehr- und Forschungsprojekte münden.
So sind in den vergangenen Jahren zahlreiche praxisnahe Projekte entstanden – unter anderem zu Themen wie Kreislaufwirtschaft, Mobilität, nachhaltige Ernährung, Wasserqualität, innovative Baustoffe, Mensch-Roboter-Interaktion in der Pflege oder New Work.
Die HTW Berlin ist Teil des Zukunftsortes Wirtschafts- und Wissenschaftsstandort Berlin Schöneweide. Wo sehen Sie den konkreten Mehrwert der Zukunftsorte für Hochschulen wie die HTW?
Für die HTW Berlin spielt die regionale Verankerung eine zentrale Rolle. Wir pflegen ein dichtes Netzwerk aus Partnerschaften mit Unternehmen, Forschungseinrichtungen, politischen Akteur:innen sowie kulturellen und zivilgesellschaftlichen Organisationen. Zukunftsorte verfolgen ein ähnliches Ziel: den Aufbau eines Innovationsökosystems, das durch räumliche und thematische Verdichtung Wissen und Know-how sektorenübergreifend bündelt und sichtbar macht. Gerade diese Nähe schafft konkrete Mehrwerte. Kurze Wege erleichtern Kooperationen und fördern den informellen Austausch – oft der Ausgangspunkt für Projekte.
Darüber hinaus können hier urbane Reallabore entstehen, in denen neue Ideen, Technologien oder Geschäftsmodelle unter realen Bedingungen erprobt werden. Für die HTW ist das besonders wertvoll, weil praxisnahe Lehre und anwendungsorientierte Forschung vom direkten Austausch mit Praxispartner:innen leben.
Welche Rolle werden die Berliner Hochschulen für Angewandte Wissenschaften künftig für die Entwicklung der Stadt spielen? Was brauchen sie, um diese Rolle noch stärker ausfüllen zu können?
Die Berliner Hochschulen für Angewandte Wissenschaften werden auch künftig eine zentrale Rolle für die Entwicklung der Stadt spielen – insbesondere als Ausbildungsstätten für die Fachkräfte von morgen. Sie vermitteln nicht nur fundierte fachliche Kompetenzen, sondern auch die notwendigen Zukunfts- und Sozialkompetenzen, die in einer sich dynamisch wandelnden Arbeitswelt gefragt sind. Gleichzeitig wird die anwendungsorientierte Forschung weiter an Bedeutung gewinnen. Mit der Etablierung von gemeinsamen Promotionszentren werden die HAW ihre Forschungsprofile stärken und ihren Beitrag zu Innovationsprozessen in der Stadt erhöhen.
Auch im Bereich Transfer sind deutliche Fortschritte erkennbar. Transfer wird zunehmend als profilbildend wahrgenommen und als integrativer Bestandteil von Lehre und Forschung verstanden. In der praktischen Umsetzung stößt dieses Selbstverständnis jedoch noch häufig an strukturelle Grenzen. Oft fehlen langfristige Finanzierungsmodelle, institutionelle Verstetigung und verlässliche Anreizsysteme. Projektbasierte Förderung allein reicht nicht aus, um nachhaltige Transferstrukturen aufzubauen und gesellschaftliche Wirkung strategisch zu entfalten.
Wenn die Berliner Hochschulen für Angewandte Wissenschaften ihre Rolle als Impulsgeberinnen für Innovation und Transformation Berlins noch stärker ausfüllen sollen, benötigen sie vor allem Planungssicherheit, eine strukturelle Verankerung von Transferaufgaben und eine verlässliche Grundfinanzierung. Gleichzeitig sehe ich die bestehenden Herausforderungen als Chance, kreativ zu werden und unkonventionelle Wege auszuprobieren – dafür brauchen wir starke Partner und Allianzen. Mit den richtigen Rahmenbedingungen können HAW ihr Potenzial als Treiber einer resilienten, zukunftsfähigen Stadt noch deutlicher entfalten.
*Berliner Hochschulen für Angewandte Wissenschaften (HAW):
- Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin (HTW Berlin)
- Hochschule für Wirtschaft und Recht (HWR Berlin),
- Berliner Hochschule für Technik (BHT),
- Evangelische Hochschule Berlin (EHB)
- Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB).
Weitere Informationen:
Nächste Veranstaltung: Das Wissenschaftsfestival Transferale vom 29. Juni bis 3. Juli 2026
Teilprojekte:
Innovation Work Retreat: Zukunft findet Stadt
KiezTalks: Zukunft findet Stadt
HACKademy: Zukunft findet Stadt
Real Life Labs: Zukunft findet Stadt