Roman Laabs
Roman Laabs ist Mitgründer des Start-ups Sirius, das im Reallabor des Werner-von-Siemens Centre for Industry and Science (WvSC) in der Siemensstadt Square an sicheren IT-Lösungen für Industrie, Behörden und Betreiber kritischer Infrastrukturen arbeitet. Der Wirtschaftsingenieur bringt mehr als zehn Jahre Erfahrung in Produktion, Supply Chain und Fertigung mit; sowohl in internationalen Industrieunternehmen als auch in technologiegetriebenen Start-ups.
Mit Sirius entwickelt er Software- und Netzwerklösungen für hochsichere IT-Umgebungen. Dabei setzt das Unternehmen auf moderne Zero-Trust-Architekturen und quantenresistente Kryptografie, um Unternehmen und öffentliche Einrichtungen auf zukünftige Cyberbedrohungen vorzubereiten. Neben Anwendungen für Verteidigung und Behörden stehen insbesondere zivile Einsatzfelder wie Industrie, Telekommunikation, Energieversorgung, Gesundheitswesen und andere Betreiber kritischer Infrastrukturen im Fokus.
Sirius entwickelt sichere IT-Lösungen für besonders sensible Anwendungen. Was macht Ihr Start-up genau und welche Herausforderungen lösen Sie für Unternehmen und Organisationen?
Ein Schwerpunkt unserer Arbeit ist die Frage, wie sich Post-Quantenkryptografie in bestehende Netzwerke und IT-Systeme integrieren lässt. Quantencomputer haben das Potenzial, in vielen Bereichen große Fortschritte zu ermöglichen. Gleichzeitig stellen sie uns vor neue Herausforderungen bei der IT-Sicherheit. Leistungsfähige Quantencomputer könnten insbesondere heute weit verbreitete Verschlüsselungsverfahren angreifen. Deshalb benötigen wir neue kryptografische Verfahren, die auch gegen solche Angriffe geschützt sind.
Vielversprechende Verfahren dafür gibt es bereits. Die nächste große Aufgabe besteht darin, sie aus Forschung und Testumgebungen in die reale Infrastruktur von Unternehmen, Behörden und Betreibern kritischer Infrastrukturen zu bringen. Genau daran arbeiten wir bei Sirius. Wir entwickeln Netzwerksicherheitslösungen, mit denen unsere Kunden ihre Kommunikation bereits heute auf ein Post-Quanten-Zeitalter vorbereiten können.
Das ist nicht erst dann relevant, wenn leistungsfähige Quantencomputer tatsächlich verfügbar sind. Bei sogenannten „Harvest-Now-Decrypt-Later“-Angriffen können Angreifer verschlüsselte Daten bereits heute abfangen und speichern, um sie möglicherweise Jahre später zu entschlüsseln. Besonders kritisch ist das für Informationen, die über lange Zeit vertraulich bleiben müssen.
Eine praktische Herausforderung besteht darin, dass neue kryptografische Verfahren je nach Anwendung mehr Daten übertragen oder zusätzliche Rechenleistung benötigen. In großen und komplexen Netzen können sich solche Effekte schnell bemerkbar machen. Deshalb arbeiten wir unter anderem mit Betreibern öffentlicher und privater Mobilfunknetze zusammen, um diese Auswirkungen zu untersuchen und möglichst weit zu reduzieren.
Sie arbeiten mit Sirius im Reallabor des Werner-von-Siemens Centre. Welche Möglichkeiten bietet Ihnen diese Umgebung, um neue Technologien zu entwickeln und gemeinsam mit Partnern zu erproben?
Für uns bietet das Reallabor sehr gute Bedingungen, um neue Lösungen nicht nur theoretisch zu entwickeln, sondern unter realistischen Bedingungen zu testen. Durch Forschungsprojekte und die Arbeit anderer Partner im Bereich Kommunikations- und Netzwerktechnik gibt es dort Infrastruktur, die wir als junges Unternehmen sonst mit erheblichem Aufwand selbst aufbauen müssten. Das war ursprünglich einer der Hauptgründe für unsere Zusammenarbeit mit dem Werner-von-Siemens Centre.
Mindestens genauso wichtig ist für uns inzwischen aber der Austausch, der dadurch entsteht, dass Start-ups, etablierte Industrieunternehmen und wissenschaftliche Einrichtungen an einem Ort zusammenarbeiten. Viele Gespräche ergeben sich unkompliziert und führen teilweise zu gemeinsamen Projekten oder neuen Fragestellungen, auf die man allein vielleicht gar nicht gekommen wäre.
Hinzu kommt, dass wir im WvSC regelmäßig die Gelegenheit haben, unsere Arbeit Besuchergruppen aus Industrie, Wissenschaft und Politik vorzustellen. Das schafft Sichtbarkeit und ermöglicht neue Kontakte. Auch das Team des Werner-von-Siemens Centre unterstützt uns sehr aktiv dabei, Kontakte innerhalb seines Netzwerks herzustellen. Daraus sind für uns bereits einige interessante Kooperationen entstanden.
Cybersecurity entwickelt sich rasant weiter, insbesondere mit Blick auf Künstliche Intelligenz und Quantencomputing. Welche Entwicklungen werden die Sicherheit kritischer Infrastrukturen in den kommenden Jahren besonders prägen?
Ich glaube, dass wir vor allem zwei Entwicklungen sehen werden: Zum einen verändern sich die Möglichkeiten und Methoden von Cyberangriffen, zum anderen werden Häufigkeit und Intensität der Angriffe weiter zunehmen.
Künstliche Intelligenz senkt die Hürden für offensive Cyberaktivitäten erheblich. Einzelne Personen oder kleine Gruppen können Aufgaben automatisieren, für die früher deutlich größere Teams notwendig waren. Gleichzeitig können auch weniger erfahrene Angreifer auf Methoden zurückgreifen, die bislang ein hohes Maß an Spezialwissen vorausgesetzt haben. Das verändert auch die Auswahl der Ziele. Wenn Angriffe günstiger und leichter skalierbar werden, lohnt sich aus Sicht eines Angreifers zunehmend auch ein Angriff auf Organisationen, die früher vielleicht nicht als attraktives Ziel gegolten hätten.
Gleichzeitig wird KI dabei helfen, Schwachstellen in Software und IT-Systemen schneller und systematischer zu finden. Gerade für Betreiber kritischer Infrastrukturen ist das problematisch. Sie betreiben häufig sehr komplexe Netze mit langen Lebenszyklen, spezialisierten Systemen und teilweise älteren Komponenten. Diese Infrastruktur lässt sich nicht einfach alle paar Jahre vollständig austauschen.
Quantencomputing stellt uns vor eine andere Art von Herausforderung. Die konkrete Bedrohung liegt wahrscheinlich weiter in der Zukunft, aber die notwendigen Vorbereitungen müssen bereits heute beginnen. Kritische Infrastrukturen haben oft sehr lange Investitions- und Erneuerungszyklen, und viele Daten müssen über Jahre oder sogar Jahrzehnte geschützt bleiben. Wenn wir erst mit der Umstellung auf quantenresistente Kryptografie beginnen, sobald leistungsfähige Quantencomputer verfügbar sind, sind wir zu spät. Die Migration muss deshalb schrittweise und möglichst früh in bestehende Modernisierungsprogramme integriert werden.
Deshalb wird es aus meiner Sicht nicht ausreichen, ausschließlich zu versuchen, jeden einzelnen Angriff zu verhindern. Wir müssen unsere Infrastruktur insgesamt resilienter gestalten. Einzelne Systeme dürfen ausfallen, ohne dass daraus unmittelbar eine größere Krise entsteht. Dazu gehört auch, Betreiber technisch und organisatorisch dabei zu unterstützen, ihre Systeme nach einem erfolgreichen Angriff möglichst schnell wieder sicher in Betrieb nehmen zu können.
Sirius ist Teil des Zukunftsortes Siemensstadt Square. Welche Chancen eröffnet das Innovationsökosystem der Berliner Zukunftsorte für die Entwicklung eines jungen Cybersecurity-Start-ups?
Berlin bietet uns als Standort viele Vorteile. Auf relativ engem Raum finden sich Start-ups, Hochschulen, Forschungseinrichtungen und große technologieorientierte Unternehmen. Gleichzeitig gibt es als Metropole eine große Zahl potenzieller Anwender aus Industrie, Energie, Telekommunikation, Gesundheitswesen und anderen Bereichen kritischer Infrastruktur. Für uns bedeutet das kurze Wege zu möglichen Partnern und Kunden und vor allem die Möglichkeit, früh zu verstehen, welche Probleme in der Praxis tatsächlich gelöst werden müssen.
Ich habe außerdem den Eindruck, dass sich die Berliner Start-up-Szene in den vergangenen Jahren verändert hat. Vor zehn Jahren standen häufig Geschäftsmodelle mit möglichst schneller Skalierung und vergleichsweise direkter Kommerzialisierung im Vordergrund. Heute sehen wir deutlich mehr junge Unternehmen, die sich mit langfristigen technologischen Entwicklungen und konkreten gesellschaftlichen Herausforderungen beschäftigen.
Für mich liegt genau darin eine wichtige Aufgabe der Berliner Zukunftsorte: Diese unterschiedlichen Akteure zusammenzubringen und einen Austausch zu ermöglichen, aus dem konkrete Kooperationen entstehen können. Die Transfer Week im vergangenen Jahr war dafür für uns ein sehr gutes Beispiel. Wir konnten dort viele interessante Gespräche führen und freuen uns deshalb darauf, auch dieses Jahr wieder teilzunehmen.
Wenn Sie fünf bis zehn Jahre vorausblicken: Wo sehen Sie Sirius und welche Vision verfolgen Sie für sichere digitale Infrastrukturen in Deutschland und Europa?
Wenn man den internationalen Vergleich betrachtet, müssen wir uns eingestehen, dass Deutschland und Europa bei vielen Teilen der digitalen Infrastruktur erheblichen Nachholbedarf haben. Ich glaube auch nicht, dass wir diesen Rückstand innerhalb von fünf oder zehn Jahren vollständig aufholen werden. Dafür braucht es neben einzelnen Förderprogrammen eine langfristige und verlässliche Innovations-, Industrie- und Energiepolitik.
Gleichzeitig sehe ich durchaus Grund für Optimismus. Gerade bei neuen Technologien wie dem Quantencomputing wird in Deutschland und Europa viel investiert und geforscht. Entscheidend wird sein, ob es uns gelingt, aus dieser Forschung auch Unternehmen und Produkte entstehen zu lassen und die anschließende Kommerzialisierung nicht überwiegend anderen Regionen der Welt zu überlassen. Wenn uns das gelingt, können wir bei der nächsten Generation digitaler Infrastruktur wieder eine größere Rolle spielen.
Dafür braucht es aus meiner Sicht auch etwas mehr Mut, bestehende Strukturen infrage zu stellen und neue Technologien tatsächlich einzusetzen. Ich habe den Eindruck, dass sich hier gerade einiges bewegt.
Mit Sirius möchten wir dazu unseren Beitrag leisten. Wenn wir es schaffen, sichere Digitalisierung einfacher und wirtschaftlicher zu machen und gleichzeitig die Nutzung europäischer und souveräner Infrastruktur zu erleichtern, dann haben wir viel erreicht. Unser Ziel ist, dass hohe Sicherheitsanforderungen kein Hindernis für Digitalisierung sind, sondern von Anfang an ein selbstverständlicher Bestandteil moderner Infrastruktur werden.
Vielen Dank für das Gespräch, Herr Laabs.
Interview: Noémi Dombi
Weitere Informationen:
Sirius — Secure Computing for Defence and Critical Infrastructure