Dr. Nevine Shalaby
Dr. Nevine Shalaby leitet die Abteilung Innovation & Entrepreneurship am Max Delbrück Center in Berlin. Als ausgebildete Genetikerin und Entwicklungsbiologin und geprägt durch internationale Forschungsstationen in Boston, Dallas und Berlin verbindet sie wissenschaftliche Expertise mit industrieller Erfahrung. Ihr Ziel: Forschung konsequent in Anwendung zu überführen.
Sie sind aus der Industrie in den Wissenschafts- und Technologietransfer gewechselt. Was hat Sie an der Rolle „Head of Innovation & Entrepreneuership“ besonders gereizt?
Ich habe Erfahrung in Wissenschaft und Wirtschaft – und genau das hat mich dazu motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen. Die Position bietet die Möglichkeit, die Brücke zwischen wissenschaftlicher Entdeckung und praktischer Anwendung zu stärken. Ich hatte die Wissenschaft acht Jahre zuvor hinter mir gelassen und freute mich sehr darauf, wieder in ein akademisches Umfeld zurückzukehren, mit Forschenden zusammenzuarbeiten, die einzigartige und neue Ideen verfolgen, und zugleich das Wissen und die Perspektive einzubringen, die ich in der Industrie gewonnen hatte. In vielerlei Hinsicht war es die Rückkehr in eine sehr vertraute Welt. Aber mit einem völlig neuen Blickwinkel!
Während des Bewerbungsprozesses habe ich dann mehrere Forschungsgruppenleiterinnen und -leiter am Max Delbrück Center getroffen. Ihre Fragen an mich waren herausfordernd und unsere Gespräche darüber, wie man erfolgreiche Pipelines zur Medikamentenentwicklung aufbaut, Therapien für seltene Krankheiten verbessert und behördliche Genehmigungsverfahren navigiert, haben mich begeistert. Ich hatte nicht alle Antworten. Aber angesichts der Bandbreite der Herausforderungen und der Möglichkeit, von Expertinnen und Experten verschiedener Disziplinen zu lernen, wurde mir klar, wie sehr ich Teil dieses Umfelds sein wollte.
Es ist nicht nur eine Chance, von Weltklasse-Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zu lernen. Wir können auch dazu beizutragen, die Strukturen und Partnerschaften zu schaffen, die nötig sind, damit vielversprechende Entdeckungen ihr Potenzial sinnvoll entfalten und spürbaren Nutzen bringen können. So nah an der Grundlagenforschung zu sein und gleichzeitig zu ihrer Übersetzung in Therapien, Diagnostika, Produkte und Start-ups beizutragen, ist unglaublich motivierend.
Welche strukturellen oder kulturellen Faktoren sind aus Ihrer Sicht entscheidend, damit aus wissenschaftlichen Ideen schneller konkrete Anwendungen entstehen können?
Sowohl strukturelle als auch kulturelle Faktoren sind entscheidend.
Aus struktureller Sicht brauchen Forschende Zugang zur richtigen Unterstützung zur richtigen Zeit. Dazu gehören ein wirksamer Schutz ihres geistigen Eigentums, translationale Förderprogramme sowie frühe Kontakte zu Branchenexpert:innen, Investor:innen und Unternehmer:innen. Am Max Delbrück Center tragen Initiativen wie BOOST und PreGoBio dazu bei, Finanzierungs- und Kompetenzlücken zwischen wissenschaftlicher Entdeckung und Produktentwicklung zu schließen. So können sich Forschende auf die Weiterentwicklung ihrer Innovationen konzentrieren.
Ebenso wichtig ist die Kultur. Wir müssen unternehmerisches Denken fördern. Forschende sollten ihre Wirkung auf die Gesellschaft als selbstverständlichen Teil wissenschaftlicher Exzellenz verstehen. Wir ermutigen Forschende, sich frühzeitig mit Innovationen auseinanderzusetzen, bringen sie mit unternehmerischen Vorbildern in Kontakt und schaffen Möglichkeiten zum Netzwerken mit Investor:innen, Gründer:innen, Kliniker:innen und Industriepartnern. Wenn Innovation Teil der wissenschaftlichen Kultur wird – und nicht erst nach Abschluss der Forschungsprojekte stattfindet – dann beschleunigt sich die Translation.
Genau deshalb trägt unsere Abteilung den Namen „Innovation & Entrepreneurship“. Das eine kann ohne das andere nicht erfolgreich sein.
Am Max Delbrück Center entstehen zahlreiche Ausgründungen mit großem gesellschaftlichem Potenzial. Gibt es ein oder zwei Start-ups oder Projekte, die Sie aktuell besonders spannend finden?
Am Max Delbrück Center entstehen gerade viele spannende Spin-off-Projekte. Einige haben sich gerade auf der sehr erfolgreichen Konferenz „bio:cap“ in Berlin vorgestellt.
Nehmen Sie Allothera, das Dr. Klaas Yperman leitet und auf der Forschung von Professor Gary Lewin aufbaut. Das Unternehmen entwickelt neuartige Therapien für Patientinnen und Patienten mit neuropathischen Schmerzen. Besonders spannend an diesem Projekt ist der Ansatz, den wir für die Gründungsphase gewählt haben. Ich glaube, das Vorgehen könnte als Blaupause für künftige Start-ups aus dem Max Delbrück Center dienen.
Gemeinsam mit Gary Lewin haben wir erfolgreich einen Helmholtz Enterprise Spin-off-Grant eingeworben und so eine „Entrepreneur-in-Residence“-Position geschaffen. Statt eine Postdoktorandin oder einen Postdoktoranden in die Führungsrolle zu setzen, überführt der „Entrepreneur-in-Residence“ das wissenschaftliche Projekt in ein für Investor:innen attraktives Unternehmen. Er erstellt zum Beispiel eine Roadmap, um die Wissenschaft zu validieren und das Risiko zu reduzieren. Er baut ein Führungsteam mit den notwendigen Kompetenzen auf, entwickelt eine Geschäftsstrategie, etabliert die Marke und die externe Präsenz des Unternehmens. All diese Elemente sind oft ebenso entscheidend für den Erfolg wie die Wissenschaft, auf der alles basiert. Selbst die vielversprechendsten Entdeckungen tun sich mitunter schwer mit dem Sprung aus dem akademischen Umfeld auf den Markt, wenn ein klarer Weg zur Kommerzialisierung fehlt oder ein starkes Team oder der Rückhalt des Principal Investigator, die Entdeckung in Therapien zu überführen, die letztlich Patientinnen und Patienten zugutekommen.
Ein weiteres spannendes Beispiel ist NMJCare, ein Unternehmen aus dem sich rasant entwickelnden Fachgebiet der Organoide. Unter der Leitung von Dr. Ines Lahmann und aufbauend auf der Forschung von Professorin Mina Gouti entwickelt NMJCare eine spezielle Plattform. Diese Plattform unterstützt eine personalisierte Krankheitsmodellierung, die langfristige Stabilität der Laborkulturen und skalierbare Automatisierungs-Workflows, die mit den Pipelines der pharmazeutischen und biotechnologischen Arzneimittelentwicklung kompatibel sind. Die Mission des Unternehmens ist es, die Entwicklung wirksamer Therapien für neuromuskuläre Erkrankungen zu beschleunigen. Dafür ersetzen sie bislang unzureichende präklinische Modelle mit prädiktiven Systemen, die auf menschlichen Zellen basieren.
NMJCare hat bereits in mehreren führenden Entrepreneurship- und Innovationsprogrammen Anerkennung gefunden, darunter GeneNovate und Nucleate, wo das Start-up als Activator-Semifinalist 2025 wurde. Es gehört außerdem zum CLIC by BioLabs-Inkubator in Berlin. Das alles spiegelt wider, mit welchem Momentum es auf eine breitere Anwendung zusteuert.
Das Max Delbrück Center ist am Zukunftsort Berlin-Buch und seit März 2026 auch am Zukunftsort Health Innovation Quarter Berlin-Mitte präsent. Welchen Mehrwert bieten die Berliner Zukunftsorte im Bereich Life Sciences aus Ihrer Sicht für das Berliner Innovationsökosystem?
Berlins Innovationshubs sind eine große Stärke des regionalen Ökosystems, weil sie die zentralen Akteure zusammenbringen, die für erfolgreiche Innovation notwendig sind: Forschende, Kliniker:innen, Unternehmer:innen, Investor:innen, Start-ups und etablierte Firmen.
Gerade in den Lebenswissenschaften spielt Nähe eine entscheidende Rolle. Bevor wissenschaftliche Durchbrüche in Produkte überführt werden können, braucht man oft eine enge Zusammenarbeit über Disziplinen und Sektoren hinweg. Innovationshubs wie der Zukunftsort Berlin-Buch und der Zukunftsort Health Innovation Quarter Berlin-Mitte schaffen jeweils ein Umfeld, in denen diese Interaktionen selbstverständlich und regelmäßig stattfinden können.
Besonders deutlich wurde mir das, als wir kürzlich ein Treffen mit mehreren externen Gästen organisiert haben. Ich war stolz und etwas überrascht, wie schnell wir zentrale Akteure aus dem gesamten Ökosystem in einem Raum versammeln konnten. Nach nur eineinhalb Jahren in dieser Rolle bin ich Teil eines bemerkenswerten Netzwerks von Kolleginnen und Kollegen geworden, die alle eine gemeinsame Vision teilen. Es gibt ein tiefes Verständnis dafür, dass bedeutende Innovationen nie das Ergebnis einer einzelnen Person oder Institution sind. Sie erfordern eine koordinierte Anstrengung des gesamten Ökosystems. Dieser kooperative Geist ist eine besonders große Stärke Berlins.
Welche Vision haben Sie für den Life-Science-Standort Berlin in den kommenden Jahren?
Berlin verfügt bereits über viele der nötigen Zutaten, um zu einem führenden Life-Sciences-Innovationszentrum in Europa zu werden: herausragende Forschungseinrichtungen, exzellente Krankenhäuser, ein wachsendes Start-up-Ökosystem und wachsendes Interesse der Investor:innen.
Meine Vision ist es, dass Berlin nicht nur für seine wissenschaftliche Exzellenz international bekannt sein wird, sondern auch dafür, dass wir wegweisende Forschung konsequent in wirkungsvolle Therapien, Technologien und Unternehmen überführen. Wissenschaftliche Entdeckungen schaffen nur dann einen Mehrwert, wenn sie Patientinnen und Patienten sowie der Gesellschaft zugutekommen. Und das erfordert starke Verbindungen zwischen Wissenschaft, Gesundheitsversorgung, Industrie, Unternehmer:innen sowie Investor:innen.
Wenn wir diese Verbindungen weiter stärken und Strukturen aufbauen, die Translation und Unternehmensgründung unterstützen, dann hat Berlin das Potenzial, zu einem globalen Vorreiter für wissenschaftsgetriebene Innovation und Entrepreneurship zu werden. Der Erfolg wird dann weitere Fachkräfte, Expertise und Investitionen anlocken und einen Aufwärtstrend in Gang setzen, der die nächsten Entdeckungen beflügelt und sicherstellt, dass vielversprechende Ideen weiterhin ihren Weg vom Labor in die Praxis finden können.
Vielen Dank für das Gespräch, Frau Dr. Shalaby.
Interview: Noémi Dombi
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